Frank Nitsche

Malerei | Grafik | Information

 

Einführung in die Ausstellung „Jenseits des Sichtbaren – Ansichten von Innen – Frank Nitsche – Malerei“ auf Burg Falkenstein am 16. Juni 2013

 

Stefanie Müller

Lyonel-Feininger-Galerie Quedlinburg

 

 

Lieber Herr Schymalla, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gäste,

 

moderne, zeitgenössische Malerei hier auf der Burg Falkenstein in historischen Räumen zwischen Gebrauchsgegenständen vergangener Epochen zu präsentieren, ist doch ungewöhnlich. Da scheint es ins Konzept zu passen, wenn ein Vertreter der Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinburg an dieser Stelle eine Einführung in die Ausstellung gibt. Denn was hat nun Lyonel Feininger mit Frank Nitsche und der Burg Falkenstein zu tun? Auf den ersten Blick wohl nichts – mag man meinen. Doch so ungewöhnlich und fern diese Verbindung zunächst anmutet, ist sie gar nicht. Nicht nur, dass die Lyonel-Feininger-Galerie wie die Burg Falkenstein zur Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt zählt, auch in der Kunstauffassung Frank Nitsches zeigen sich Bezüge in die Klassische Moderne, in die Lyonel Feininger in der Kunstgeschichte ja bekanntlich verortet wird.

 

So wurde der 1958 in Eisleben geborene Nitsche in den 1970er Jahren während seines Studiums in Halle durch Paul Otto Knust zur Malerei angeregt. Knust selbst war Schüler des bekannten Malers, Grafikers und Kunsthandwerkers Charles Crodel, der in den 1920er und 1930er Jahren als Lehrer an der Burg Giebichenstein in Halle tätig war. Frank Nitsches künstlerische Prägung weist daher einen direkten Bezug zur Moderne der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – also in die Blütezeit von Burg Giebichenstein und Bauhaus, in die Zeit der Klassischen Moderne und die Zeit Feiningers – auf.

 Den Prinzipien dieser neuen, revolutionären Kunsthochschulen folgend gab Knust die Grundlagen seiner Kunstauffassung – also das Naturstudium, die Komposition und das Arrangement von Farben und Formen – an seinen Schüler Nitsche weiter. In stark farbiger, flächiger Malerei widmet sich Frank Nitsche den Bildthemen Stillleben, Interieur, Natur- und Stadtlandschaften. In seinem jüngsten Bilderzyklus aus den Jahren 2011 und 2012 greift der Künstler alltägliche, gewöhnliche Situationen und Gegenstände auf. Anders als viele Werke er zeitgenössischen Malerei sind die Bilder Frank Nitsches nicht von monumentaler Größe. Das verhältnismäßig kleine Format erzeugt bisweilen einen intimen Charakter und kommt dadurch dem Bildgegenstand entgegen. Objekte wie Kannen, Flaschen und Schalen werden in den Werken Nitsches ebenso dargestellt wie Möbelstücke oder der Blick aus dem Fenster. Das scheint zu passen – mag man denken: Belanglose Bildmotive, kleine Formate. Doch durch das Arrangement dieser Gegenstände und ihre Farbigkeit erzeugt Frank Nitsche unerwartete, ungewöhnliche Ansichten auf diese im Alltag vielfach unbeachteten, gewöhnlichen Dinge. Er schafft es somit, über die anfängliche Unwichtigkeit der Objekte hinaus zu gehen und eine zweite, tiefere Bildebene zu erzeugen.

 

Das Gemälde „Chefsessel“ etwa ist hierfür ein eindrückliches Beispiel. Zu sehen ist ein breiter, mächtig ausladender Sessel in Frontalansicht. Trotz des grobflächig erscheinenden Farbauftrags sind deutliche Verschleißspuren am Polster des Sessels erkennbar. Durch die Ausblendung jeglicher Umgebung und den Einsatz der Farben entsteht der Eindruck eines trotzigen, sich durch die Zeiten hindurch behauptenden Möbelstücks, das zugleich Rückschlüsse auf seinen Besitzer zulässt. Wer in diesem Sessel Platz nimmt – so die erste Assoziation – kann sich durchsetzen, hat Format und legt offenbar Wert auf Dauerhaftes, Traditionelles, vielleicht sogar Konservatives. Und doch – der Lack ist ab, die Spuren der Jahre sind sichtbar, wie die Gebrauchsspuren deutlich zeigen. Hinter dem ersten Eindruck wird so eine zweite Ebene sichtbar, welche die anfänglichen Assoziationen in Frage stellt: Ist der Einfluss desjenigen, der in diesem Sessel thront nicht längst Geschichte und beharrt er nicht vielmehr auf diesem Stuhl, obwohl er ihn längst räumen sollte? Genau diese Fragen sind es, die Frank Nitsche zu erzeugen versucht, indem er Alltagsgegenstände und Alltagssituationen aus ihren gewohnten Kontexten herauslöst und somit anregt zum Nachdenken über den Kern, den Sinn und den Zweck dieser Bildgegenstände. Nitsche sieht nicht nur den Gegenstand, das Ding an sich, sondern ist bestrebt, sichtbar zu machen, was auf den ersten Blick nicht sichtbar ist.

 

Doch nicht nur auf der Ebene jenseits des zunächst Offensichtlichen, auf der Ebene der Deutung, nähert sich Frank Nische seinen Motiven. Auch über die formale Herangehensweise, den Einsatz der Formen versucht er, das Innere seiner Bildgegenstände offen zu legen. Dabei zerlegt er das Bildmotiv in viele Einzelformen, die er in Beziehung zueinander setzt. Viele seiner Werke erfordern deshalb eine genaue Betrachtung und mehrmaliges Hinsehen, um das Dargestellte vollständig zu erfassen. Vor allem bei den Bildern mit maritimen und Landschaftsthemen wie beispielsweise im Werk „Segelboot im Hafen“ nimmt Nitsche eine Zergliederung der Flächen vor. Durch das Abtasten des Bildes mit den Augen kann der Betrachter zunächst das Boot auf der linken Bildseite identifizieren. Dadurch ist es ihm nun möglich, seinen Standpunkt auszuloten sowie Hafenbecken und Landschaft voneinander zu unterscheiden. Aus den vielen Einzelformen in unterschiedlichen Farben, die zunächst ungeordnet und nicht zusammengehörend erscheinen, fügt sich so langsam ein Ganzes zusammen. Das Bild entsteht quasi von Innen heraus: Die einzelne Form bildet den Kern, den Ausgangspunkt, viele Einzelformen setzten sich schließlich zum Ganzen zusammen und ergeben in ihrem Zusammenklang ein Bildmotiv.

 

Gewisse Parallelen zum Kubismus sind nicht von der Hand zu weisen. Diese Stilrichtung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte die moderne Malerei grundlegend und war auch für Lyonel Feiningers frühes malerisches Schaffen bedeutsam. Kennzeichnend sind die Veränderung des Bildgegenstandes in seiner gewohnten Perspektive und seine Zerlegung in einzelne Formen mit dem Ziel, den Bildgegenstand als „Ding an sich“ darzustellen. Bei Nitsche kommt zudem den Farben eine zentrale Bedeutung bei. Sie werden in einem oft langwierigen Prozess zueinander in Beziehung gesetzt. Ihre Zuordnung erfolgt ähnlich der Komposition eines Musikstückes, bis am Ende des Prozesses eine Harmonie, ein Klang entstanden ist.

Es bedarf der Sehleistung des Betrachters, aus dem zunächst diffus erscheinenden Formen- und Farbengewirr ein Ganzes zusammenzufügen. Ganz besonders deutlich wird dieser Zusammenklang von Formen und Farben bei Frank Nitsches Gemälde „Kirche im Harz“. Hier zeigt sich, wie sich aus einzelnen geometrischen Formen Sinnzusammenhänge ergeben und eine Komposition entsteht. Die einzelnen Formen ordnen sich schließlich zu Türmen, einem Portal und angedeuteter Umgebung. Aus Einzelelementen werden Formen, wie aus Atomen am Ende komplexe Gebilde und Objekte werden. Der Einsatz der Farbe hat daran entscheidenden Anteil. Sie wird eingesetzt, um die einzelnen Formenflächen in sich nochmals mit hellen und dunklen Partien abzusetzen und somit Schattenwurf und Perspektive zu verdeutlichen.

Und hier lässt sich wieder der Bogen schlagen zu Feininger, der vor allem auch in seiner Grafik bemüht war um die „letztgültige Form“, um dadurch das Wesen eines Objektes zu erfassen. Gerade in seinem Holzschnittwerk, das nahezu vollständig in der Lyonel-Feininger-Galerie vorhanden ist, experimentiert Feininger mit Formen und Perspektive, wird dabei wie auch Frank Nitsche aber niemals ungegenständlich. Ziel dieser künstlerischen Experimente Feiningers wie auch Nitsches ist es vielmehr, durch die ungewohnte Zuordnung der Bildmotive zueinander neue Blickwinkel auf das Dargestellte zu ermöglichen. Das Ergründen dieser neuen Bezüge und damit des Wesens der Dinge, ihres „Inneren“ und ihrer Bedeutung „Jenseits des Sichtbaren“ erfordert Mühe, Hingabe und Zeit. Und Ihre Zeit habe ich nun ausreichend in Anspruch genommen. Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Erkunden der Werke! Vielen Dank!

 

 

Stillleben mit roten Früchten

Öl auf Hartfaser - 50 x 60 - 2012

Ausstellungseröffnung Frank Nitsche 11.11.2012

Galerie der Künstlerinitiative Schwetzingen (KIS)

 

Prof. Josef Walch

 

 

Für die Künstlerinitiative Schwetzingen KIS e.V. ist es eine große Freude, Ihnen, meine Damen und Herren und Freunde der KIS, den Maler und Grafiker Frank Nitsche aus Aschersleben (Sachsen-Anhalt) präsentieren zu  dürfen.

Gemeinsam mir der Künstlerinitiative hat er bereits 2009 im Rahmen der Ausstellung „Voltaire – Candide“ im Palais Hirsch ausgestellt.

Frank Nitsche studierte an der Kunsthochschule Halle Burg Giebichenstein - dort sind wir uns begegnet - er war Gaststudent bei Ulrich Hachulla an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst. Entscheidende Anregungen erhielt er sehr früh während eines Lehramtsstudium in Halle durch den Maler Paul Otto Knust, einem Künstler der Klassischen Moderne, die man auch aufgrund ihrer Biografie als „verlorene“ Generation bezeichnet. Knust war Meisterschüler an der Hallenser Kunsthochschule, er machte Frank Nitsche mit dem vertraut, was in seinem eigenen Studium im Mittelpunkt stand, dem Studium der künstlerischer Grundlagen wie Naturstudium, Komposition, Anatomie/Morphologie...(von griechisch μορφή, morphé, „Gestalt, Form“, und λόγος, lógos, „Wort, Lehre, Vernunft“) als Lehre von den Formen und ihrem Wandel,. Es ist ein zeichnerisches Studium, das dem Künstler eine Vielzahl bildnerischer Wege eröffnet. In diesem Kontext kann man auch immer wieder Albrecht Dürer mit seinem berühmten und fundamentalen Satz zitieren: „Alles, was der Künstler besitzen will, muss er aus der Natur herausreißen“. Reißen ist das altdeutsche Wort für Zeichnen.

Die vielen Skizzenbücher von Frank Nitsche sind Dokumente dieses Prozesses. Gerade die Anatomie, die Faszination für Menschenbilder, die eine geistesgeschichtliche  und wissenschaftliche Dimension hat, ist für viele Künstler, auch wenn sie nicht figurativ arbeiten, immer noch von großer Bedeutung. Als Beispiel kann man hier die „Leipziger Schule“ mit Neo Rauch an der Spitze nennen. Auf den Internetseiten der Hochschule der Bildende Künste Dresden findet sich – ganz aktuell – folgendes Zitat zur Anatomie im Kontext des künstlerischen Studiums: „Das Schiff des Geistes wiegt und wälzt sich auf dem Ozean des Körpers, sagt Paul Valéry. Für den Kunststudenten kann es nützlich sein diesen Ozean zu kartographieren, hier und dort sogar einige Tiefseeprobebohrungen durchzuführen. Die Künstleranatomie ist ein wichtiges Werkzeug dieses kartographischen Prozesses.
Obwohl uns die Oberfläche des menschlichen Körpers mit überraschender Genauigkeit die innere Konstruktion enthüllt, kann sie uns keine befriedigende Antwort über dessen Aufbau, Funktion und Architektur geben.

Zum Zweck des anatomisch-zeichnerischen Kennenlernens müssen wir von innen nach außen denken und vorgehen, verwenden hierfür verschiedene anschauliche Hilfsmittel, Modelle und zeichnerische Erklärungen.“

Der Begriff der Kartografie, der hier genannt wird, scheint mir insbesondere geeignet,

die künstlerische Methode von Frank Nitsche, zu beschreiben. Kartografie ist die Wissenschaft und Technik zur Darstellung der Erdoberfläche in topografischen und thematischen Karten. Die Kartografie veranschaulicht raumbezogene Informationen.

Darstellungsgegenstände der Kartografie sind die Erde und ihre Oberfläche mit ihren vielfältigen topografischen Gegebenheiten. Frank Nitsche kartografiert in diesem Sinne seine Motive, deren topografischen Begebenheiten, seien es Stillleben, Interieurs oder Landschaften, eine Gruppe von Flaschen auf einem Tisch, ein alter Sessel in einem Raum oder die historischen Fassaden Venedigs. Frank Nitsche analysiert Oberflächen und Formen und entwickelt immer wieder in unterschiedlichen Formaten „Bildtopografien“, denen er mittels Farbe eine emotionale Dimension gibt.  Wassily Kandinsky hat diesen Prozess in folgendem Bild gefasst: „Die Farbe ist die Taste, das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Seiten. Der Künstler ist die Hand die durch diese oder jene Taste zweckmäßig die menschliche Seele in Vibration bringt.“

Fast konsequent nennt Frank Nitsche seine Ausstellung „Ansichten von Innen“ (auch der Anatom verschafft sich durch seine Arbeit „Ansichten von Innen)“. Das bezieht sich nicht nur auf die Figur, die vor allem im Mittelpunkt der Druckgrafiken von Frank Nitsche steht, sondern auch auf Themen wie Stillleben, Interieur, Stadtansichten, Landschaften.

In seinen Bildern unternimmt Frank Nitsche den Versuch, dem Innenleben der uns umgebenden Alltagsgegenstände und alltäglichen Situationen auf die Spur zu kommen, er seziert sie, um neue, überraschende Blicke darauf zu eröffnen.

Von dem bedeutenden Maler des Symbolismus, Odilon Redon, stammt der Satz: „Bevor ein Bild eine Landschaft, einen Akt oder ein Stillleben zeigt, ist es eine plane Oberfläche, bedeckt mit Farben und Formen.“

In den Bildern und Grafiken von Frank Nitsche begegnet uns die äußere Form des Dargestellten. Diese kommt in der Bildwelt Nitsches auf die vielfältigste Weise einher: zerbrechlich, hohl, geheimnisvoll, frech, sinnlich verführerisch oder laut und auftrumpfend. Über die Farbstimmung - die Farbe hat in diesen Bildern einen hohen emotionalen Wert - in und um den Bildgegenstand wird weiteres vom Wesen des Dargestellten erzählt. Es ist der Prozess der Umgestaltung einer Naturform in eine Kunstform. Frank Nitsche schafft es, den Charakter eines „Sessels“ (Serie) oder einer „Kanne“ genauso einzufangen wie den eigenwilligen Zauber der Kulissen Venedigs, die die  Fantasie der Künstler immer wieder anregen und zu überraschenden Bildfindungen jenseits aller Klischees führen. Der Künstler zieht den Betrachter magisch hinein in seine Welt opulenter Farben, überquellender Formen und heiteren Hintersinns. Sie, meine Damen und Herren, sehen und erleben in dieser Ausstellung eine sinnenfrohe Malerei und Grafik, die ihre Qualität erst recht beim näheren Betrachten offenbaren, dazu fordern vor allem die kleinen Formate auf, die den Betrachter zu einem sehr intimen Dialog einladen. Frank Nitsche sucht in langwierigen Malprozessen zwischen den einzelnen Farbtönen, sind sie einmal gefunden, einen lebhaften Farbzusammenklang, eine Harmonie, ähnlich derjenigen einer musikalischen Komposition.

Ernst Ludwig Kirchner, der große Expressionist, hat diesen Prozess so beschrieben (1926): „Der Maler gestaltet die okulare Konzeption (was für ein schöner, altmodischer Begriff, J.W.) seines Erlebnisses zum Werk. Durch die stete Übung weiß er seine Mittel anzuwenden. Es gibt keine festen Regeln dafür. Die Gesetze für das einzelne Werk bilden sich bei der Arbeit, aus der Aufgabe, die Art der Technik aus der Persönlichkeit des Schaffenden...  Die sinnliche Lust am Gesehenen (und Frank Nitsche weiß dies zu vermitteln, J.W.) ist der Ursprung aller bildenden Kunst von Anfang an... Die instinktive Steigerung der Form im sinnlichen Erlebnis wird impulsiv auf die Fläche übertragen.“

 

 

Stillleben Stuhl am Fenster

Öl auf Hartfaser - 50 x 60 - 2012

Gerhard Fuhrmann: Zur Ausstellungseröffnung in der Galerie des Kunstvereins Schwedt/Oder im April 2002

 

Vorbemerkungen zu Frank Nitsche

 

Frank Nitsche , Jahrgang 1958, geboren in Eisleben, geriet 1975 als Student an seinen künstlerischen Ziehvater Paul Otto Knust.  Er war auf dem Wege, Lehrer zu werden für Mathematik und Physik. Damals entzündete er sich an der Kunst, tappte unsicher in sie hinein und begann eine Suche, die bis heute angehalten hat. Sicherer ist er dabei geworden aber – wir sind uns einig – sicher ist man nie.

 

Damit wäre schon fast alles gesagt, was den Werdegang Frank Nitsches anbetrifft, er wird nicken und zufrieden sein mit den wenigen Worten.

 

Und trotzdem muss ich dem einiges durchaus Persönliches hinzufügen:

 

Frank hat mir vor etlichen Jahren ein, zwei Skizzenbücher geschenkt, die ich dann artig mit Skizzen füllte. Und zwar bis etwa 20 Seiten vor Schluss. Dann hatte ich das Gefühl, sie seien voll. In der Folge habe ich mir das eine oder andere Skizzenbuch selbst zugelegt, es sind jetzt wohl an die zehn, vielleicht ein paar mehr und sie sind alle fast voll und von unterschiedlicher Größe. Mein aktuelles liegt bei A3.

 

Erstens habe ich gelernt, dass Skizzenbücher etwas sehr Nützliches sein können, auch wenn ich nicht sonderlich konsequent im Umgang mit ihnen bin. Und zweitens: Ich kenne niemanden, der so regelmäßig und so viele Skizzenbücher füllt wie Frank Nitsche. Es müssten unterdessen über dreißig sein. Wahrscheinlich irre ich mich und es sind fünfzig. Ich glaube er hat mal eine ganze Charge preisgünstiger Exemplare aufgekauft, um sie dann über die Jahre zu füllen. Und ich wette, die sind alle voll bis an den Rand. Das möglichst tägliche Pensum an Intensität, an Disziplinierung, es ist sein Training von Hand, Augen und Hirn, es ist Ideenfundus für immer. Im Skizzenbuch ordnen sich seine Ideen. Der dahineilende Stift notiert, sortiert, spießt auf, summiert, vereinfacht und betont. Fast möchte man sagen, es ist doch alles schon gezeichnet, und doch finden sich immer neue Ansätze auf dem Weg zum Bild.

 

Hin zu den Skizzenbücher gesellen sich Zeichnungen en gros. Dass man länger als eine halbe Stunde an einer Zeichnung sitzen respektive stehen kann, weiß ich durch Frank. Nicht um die genialisch hingeworfene flüchtige Ansammlung von Strichhaufen ging es, sondern um den konzentrierten, zutreffenden einen oder die vielen erfühlten, jedenfalls um Arbeit.

 

Überhaupt, wenn wir miteinander über unser künstlerisches Tun sprechen, dann heißt es immer Arbeit ... Was arbeitest du gerade, was hast du in Arbeit ..., wie kommst du mit der Arbeit voran? Dass Arbeit Spaß macht, ist uns selbstverständlich, und das gilt nicht nur für die künstlerische. Arbeit ist auch und besonders für Frank Nitsche ein positiver Begriff.

 

Studien entstehen, Ideen werden entwickelt, Versuche unternommen. Es wird viel probiert. Und dann sind da natürlich das Eigentliche: Die grafischen Blätter, die Radierungen.

 

Überall das Bemühen um die entgültige Form, kein Blatt wird leichtsinnig aufgegeben, bei Frank Nitsche wird selten bis nie der Zufall zum Gestalter, darin sind wir uns unähnlich. Er entscheidet nicht nur, das kann ich so lassen, er will auch immer bewusst steuern, das muss noch so werden.

 

Zu dieser Haltung passt seine Art, mit der Radierung umzugehen. Kaltnadel, Strichätzung, Aquatinta, zwischendrin wegpoliert, korrigiert, neu probiert. So entsteht eine lange Reihe von Probedrucken, ehe entschieden wird, so, jetzt ist der richtig.

 

In den letzten Jahren hat alle künstlerische Arbeit Frank Nitsches an Konsequenz gewonnen. Das hat ganz sicher zu tun mit seinem Sabbatjahr, das keines war. Ein Jahr Berufsunterbrechung zum Auftanken konnte Frank Nitsche nutzen, um direkt an der Burg Giebichenstein in Halle und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig zu studieren. Neue Erfahrungen, Übung im Umgang mit komplizierten Techniken und eine Menge Selbstbestätigung waren unter anderem die Resultate. Natürlich hatte der Leipziger Grafiker Ulrich Hachulla großen Einfluss  auf die Entwicklung des grafischen Vermögens.

 

Dennoch, die nun sichere Suche nach dem stärksten Ausdruck, nach der gültigsten Form ist längst nicht nur vorwiegend grafisch geblieben.

 

Mutig wird sich der Farbe gewidmet, große Flächen fassen Körper zusammen, Formen werden angeschnitten, es treibt sie manchmal geradezu aus dem Bild, die Farben ringen miteinander und Frank Nitsche mitten drin. Nicht detailverliebt, aber durchaus erzählerisch baut  er seine Bilder. Häufig die menschliche Figur im Mittelpunkt, das zentrale Thema sozusagen, der Mensch mit seinen Verhaltensweisen.

 

Trotzdem bleibt bei der Betrachtung der Bilder das Gefühl, hier soll nicht nur ein Inhalt transportiert werden, hier geht es vor allem auch um die formale Bewältigung des Inhalts. Und so erwische ich mich schon mal dabei, dass mich der Titel des Bildes gar nicht so sehr interessiert, dass ich mich vielmehr frage, wie hat er denn das gemacht? Oder bei dem Gedanken, oh, schöne blaue Fläche! Vielleicht ringen die Farben auch gar nicht miteinander, vielleicht tanzen sie ja, feiern ein Fest der Farben. Entschuldigung, so weit wollte ich denn doch nicht gehen. Aber eines wird doch deutlich: Obwohl Frank Nitsche sich ganz klar dazu bekennt, die Gegenständlichkeit der Welt um uns herum als Anreger zu nutzen, haben seine großen farbigen Arbeiten einen deutlichen Zug zum Abstrakten, die Farbe wirkt hier auch ohne die Gegenständlichkeit. Und seine rein abstrakten Versuche tun das Ihrige dazu. Materialien, Techniken, Ordnungen, ... wie kann man mit Gewohntem brechen, für sich neues erschließen?

 

Frank Nitsche ist ein denkender Sucher, nicht einer, der über etwas stolpert, es aufhebt und stolzen Besitzer spielt. Das Nachdenken, das lange Ansehen, die zur Reife gebrachte Überlegung macht einen großen Teil seiner Arbeit aus. Immer noch legt er regelmäßig vor seinem Meister, vor dem oben erwähntem Paul Otto Knust, Rechenschaft ab, längst nicht mehr so sehr als Schüler, eher nun als Geselle, der auch schon seine Meisterschaft weitergegeben hat.

 

So hat Frank Nitsche zum Beispiel 1990 in seiner Heimatstadt Aschersleben eine Malschule gegründet und einen Kunstverein mit aufgebaut. So studiert er zur Zeit neben seiner Arbeit als Lehrer für Mathe, Physik und Kunst, berufsbegleitend also, das Lehramt Kunst in Halle.

 

Das passiert alles nebenbei, neben dem Beruf, den er gut ausüben muss und will, neben dem Sich-Kümmern um Familie und Haus. Gut wenn man Partner hat, die das nicht nur mitmachen, sondern auch ermöglichen. Das alles auch neben der Arbeit im Verein, die Kraft fast schon gefährlich verschlingt.

 

Wir alle, die wir uns auf ähnliche Weise bewegen, wissen, wer viel zu tun hat, schafft noch mehr, aber ... nun erst mal bis hier.

 

 

Kleiner König

Öl auf Leinwand - 60 x 80 - 2002

Berufsverband Bildender Künstler Sachsen-Anhalt

Kontakt: 03473 808296  Mail: nitscheasl@hotmail.com